Es ist 17:30, ich stehe in Paderborns kompakter Hauptpost und hoffe, dass ich mein Amazonpaket noch vor Laden- bzw. Postschluss in Empfang nehmen kann. Bei der Post bleibt mir immer nur die Hoffnung, denn ich bin mal wieder der Arsch Rattenschwanz einer gut 20-köpfigen Schlange.
Es scheint eine gute Entscheidung der Post gewesen zu sein, gefühlte 50% ihrer Filialen zu schließen. Denn seit dem stehen die übrig gebliebenen Postbeamten nicht mehr so gelangweilt herum und die verbliebenen gelb dekorierten Orte sind immer gut gefüllt.
Also sehr gut gefüllt.
Beziehungsweise sehr, sehr gut.
Auch die Idee, eine LKW-Ladung an Bürobedarf rechts und links des Schlangenweges aufzutürmen, ist eine gute gewesen. So kann man sich während des Wartens zwischen lauter Mehrzweckpapier (Drucker, Fax, Schreibmaschine), Filzmalern und Neonplastikbürostrukturelementen überlegen, was der eigene Haushalt an Schreibwaren noch vermisst. Gut geraten ist auch die Ecke mit dem Geschenk-, Gruß- und Postkarten, in der so genannte musikalische Grüße eine wahre Renaissance feiern. Bekannt seit den 90er Jahren, haben sie, verbunden durch die Harry Potter Welle, wieder richtig an Popularität gewonnen. Besonders bei Minderjährigen, die gelangweilt vom Schlangestehen, durch das Auf- und zuklappen dieser Karten ihre Eltern und die Mitwelt auf eine musikalische Reise ins Land der Hammond-Orgel schicken. Mit Geschwisterhilfe auch gerne mehrstimmig.
Dort stehe ich also, zwischen Plastikposteingangsfächern in modischen Neonbonbonfarben und den Faltpostpaketen, jenseits vor der Kartenecke, und lasse meinen Blick schweifen.
Rechts von mir ist ein hüfthoher Stapel dicker Bücher aufgetürmt. “Das neue Postleitzahlenbuch” lese ich. “2839 neue Postleitzahlen und 16.000 Aktualisierungen. Der Klassiker für nur 6,95 Euro.”
Pause in meinem Kopf. Dann denke ich: Aha, ein Klassiker also! Dann lese ich erneut: “2839 neue Postleitzahlen” und ich verstehe.
Nicht alle Postangestellte sind damals bei der Filialverminderung entlassen worden. Die besten fanden sich in einer Taskforce zusammen und bekamen die Aufgabe neue, unbenutzte fünfstellige Zahlen zu erfinden. Also ein Berufsbild ähnlich der beiden älteren Damen in der Ikeazentrale, die sich die neuen Namen für die Sperrholzmöbel ausdenken. Mit den neu erdachten Zahlen wurde dann die B-Ware der zu Entlassenden auf Deutschlandreise geschickt - mit dem Auftrag, im geografischer Zahlennähe postleitzahlenrelevantes zu gründen, zum Beispiel Straßen, Marktflecken oder ähnliches. So konnte die Post drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die neue Zahl wurde postsendungstauglich, die verwaisten Postbeamten fanden ein neues Zuhause und Bedarf für einen weiteren Klassiker der Numerologie wurde geweckt. Wie die Post die 16.000 Änderungen bestehender Leitzahlen eingefädelt hat, mag ich mir gar nicht vorstellen.
Am diabolischsten ist aber der inverse Gedanke, der diesem Buch zu Grunde liegt. Man geht in der Regel zur Post, um etwas von A nach B zu schicken. Dafür ist die Post im Verständnis des gemeinen Bürgers da (ausgenommen der Erwerb von Büroartikeln oder Grußkarten). Weil die Post ein Interesse hat B genauer zu identifizieren, hat sie Nummerncodes erdacht, die sogenannten Postleitzahlen. Die sind also eine Erfindung der Post, die ihre Arbeit erleichtern soll. Denn wie der gelbe Dienstleister seine Aufgabe erledigt ist mir ja egal, dafür bezahle ich sie ja. Hauptsache das versandte Etwas kommt an. Aber das die Post nun uns, ihre Kunden, in die Pflicht nimmt, ihr krude Zahlensystem zu wissen einfach genial.
Wahrscheinlich findet man in dem Postleitzahlenbuch auch ein Formular für einen neuen Premiumservice der Post. Die garantierte, zeitnahe, persönliche und 100%ig sichergestellte Lieferung eines Briefs oder Päckchens. Für einen geringen Mietpreis kann man sich ein Postfahrrad und ein Briefträgeroutfit leihen und die Versandsache selbst zum Empfänger radeln.
Danke, Post.

und?
haste dein paket bekommen?
ach siehste, im eifer des gefechts…
ja, die soprano staffel 5 und die hüsch cds konnte ich letztendlich doch noch im empfang nehmen. danke für dein interesse, uwe.